Warum der perfekte Einstiegszeitpunkt eine Illusion ist
Jeder Anleger kennt dieses mulmige Gefühl. Man hat eine Aktie intensiv analysiert, ist von der Qualität des Geschäftsmodells überzeugt und will den Kauf wagen. Doch im letzten Moment bremst ein einziger Gedanke.
„Was ist, wenn ich genau heute den Höchststand erwische und morgen ein Crash kommt?“
Diese Angst vor dem perfekten (oder vielmehr perfekten falschen) Timing hält viele Anleger davon ab, überhaupt aktiv zu werden. Sie parken ihr Geld in Cash und warten auf den großen Einbruch. Doch ein Blick in die Börsengeschichte zeigt, dass diese Sorge bei einem langen Anlagehorizont unbegründet ist.
Das legendäre Beispiel: Warren Buffett und American Express
Tom Gayner, der langjährige und erfolgreiche CEO von Markel, veranschaulicht dieses Phänomen gerne anhand eines klassischen Beispiels aus der Investmentgeschichte von Warren Buffett und American Express.
Anfang der 1960er-Jahre wurde American Express vom berüchtigten „Salad Oil Scandal“ erschüttert. Ein gigantischer Betrugsfall im Zusammenhang mit gefälschten Beständen an Salatöl brachte das Unternehmen in Schwierigkeiten, und der Aktienkurs stürzte kurzzeitig um rund 50 % ab. Für kurzfristig orientierte Anleger und Panikverkäufer ein Albtraum. Für Buffett hingegen war es eine historische Chance, weil das eigentliche Kerngeschäft des Unternehmens intakt blieb.
Gayner weist in diesem Zusammenhang auf ein faszinierendes Rechenbeispiel hin. Selbst wenn ein Anleger (oder Buffett selbst) die Aktie genau am Tag vor dem Skandal – also zum absolut ungünstigsten Zeitpunkt vor dem massiven Absturz – gekauft hätte, wäre dieser heftige Kurseinbruch auf Sicht von mehreren Jahrzehnten zu einer kaum sichtbaren Randnotiz verkommen.
Die enorme Ertragskraft und das langfristige Wachstum des Unternehmens glichen den vermeintlichen Fehlstart locker aus. Auf einen Zeithorizont von 15, 20 oder 30 Jahren ist die Frage, ob man am Tag vor einem Crash oder am Tag danach gekauft hat, mathematisch nahezu irrelevant.
Warum das Warten auf den perfekten Moment Geld kostet
Wer den perfekten Einstieg sucht, verfällt meist zwei Trugschlüssen.
Die Illusion der Vorhersagbarkeit: Niemand weiß, ob der Markt morgen steigt, seitwärts läuft oder crasht. Wer auf den perfekten Rücksetzer wartet, verpasst oft die stärksten Erholungsphasen.
"We haven't the faintest idea what the stock market is going to do when it opens on Monday... We have never timed anything. We've never made a decision based on what the market is going to do or what the economy is going to do." - Warren Buffett
"I can't time stocks. I haven't the faintest idea whether stocks will be higher or lower a month from now or six months from now." - Warren Buffett
Verpasste Opportunitätskosten: Während das Kapital ungenutzt auf dem Konto liegt, arbeiten exzellente Unternehmen nicht für dich. Die entgangene Zeit im Markt wiegt fast immer schwerer als ein paar Prozent Differenz beim Einstiegskurs.
Fazit: Horizont schlägt Timing
Angst vor Kursverlusten ist menschlich, aber an der Börse ein schlechter Ratgeber. Wer in Unternehmen investiert, die dank starker Wettbewerbsvorteile und solider Bilanzen über Jahrzehnte hinweg wachsen, für den verliert der kurzfristige Einstiegszeitpunkt seinen Schrecken.
Der beste Zeitpunkt, ein großartiges Unternehmen zu kaufen, war oft gestern. Der zweitbeste ist meistens heute – vorausgesetzt, der Anlagehorizont ist lang genug, um die Wellen des Marktes entspannt auszusitzen. Eines darf man dabei jedoch nie vergessen. Ein großartiges Unternehmen ist nicht automatisch ein großartiges Investment, wenn die Aktie schlichtweg zu teuer gekauft wird.
Ich fand die Aussage von Gayner sehr spannend und wollte dieser Aussage auf den Grund gehen.
Um Gayners These greifbar zu machen, hilft ein kleines Rechenbeispiel. Nehmen wir an, eine Aktie steht heute bei 100 USD. Durch unvorhergesehene Panik oder einen Skandal bricht der Kurs am nächsten Tag um 50 % auf 50 USD ein. Langfristig setzt sich die fundamentale Stärke des Unternehmens durch, und der Kurs klettert über die Jahre und Jahrzehnte auf 10.000 USD.
Vergleicht man nun die annualisierte Rendite (CAGR) beim Kauf zum heutigen Kurs (100 USD) mit dem vermeintlich perfekten Einstieg direkt nach dem Crash (50 USD) über verschiedene Zeiträume hinweg, zeigt sich ein eindeutiges Bild:
Auf Sicht von 10 Jahren: Wer heute einsteigt, erzielt eine CAGR von 58 %, nach dem Crash liegt sie bei 70 % – hier macht der Zeitpunkt einen spürbaren Unterschied.
Auf Sicht von 20 Jahren: Verringert sich der Abstand bereits deutlich; der CAGR liegt bei 26 % (heute) gegenüber 30 % (nach dem Crash).
Auf Sicht von 30 Jahren: Der Unterschied schrumpft weiter auf 17 % (heute) zu 19 % (nach dem Crash).
Auf Sicht von 50 Jahren: Bei einem halben Jahrhundert Anlagehorizont nivelliert sich der Effekt fast vollständig. Ein Einstieg heute liefert eine jährliche Rendite von 10 %, direkt nach dem Absturz sind es 11 %.

Je länger dein Anlagehorizont ist, desto irrelevanter wird der exakte Einstiegstag. Selbst ein heftiger Kurseinbruch direkt nach dem Kauf ist über Dekaden hinweg zu einer mathematischen Fußnote geworden. Zeit im Markt schlägt Timing eben doch fast immer.
Mir ist bewusst, dass nicht jeder 50 Jahre Zeit hat, aber wenn man sein Vermögen an die nächste Generation weitergeben möchte, dann sind 50 Jahre gar nicht mehr so viel.
Es wird aus jedem Investment auch kein 100 oder 200-Bagger, soviel sollte klar sein. Diese Rechnung dient nur als Beispiel und soll die Angst vor kurzfristigen Kursverlusten nehmen. Dazu sollte auch noch eine gute Diversivifzierung das Portfolio schützen.
Link zum Video (Ab Minute 14.): https://www.youtube.com/watch?v=85Lvdxieb_s


Deshalb ist mein Vorgehen, kein Cash zu halten, sondern für gewünschte Käufe kurzfristig das Konto zu überziehen, bis der Verkauf einer "enttäuschenden" Position erfolgt ist. Dadurch bin ich immer investiert. Bei heftigen Kursrückgängen ist das natürlich Nervensache... Was Tobias mit Limits macht, mache ich mit dem Verkauf von Optionen auf die gewünschten Werte. So kann ich die Depotkorrektur zeitlich bis zum Verfallstag ausdehnen und bekomme ein "Schmerzensgeld", wenn es mal nicht klappt. Notfalls mehrfach...